Selektiver Mutismus / elektiver Mutismus

  • Was ist Mutismus? Wie äußert sich Mutismus?

  • Was ist elektiver Mutismus und was ist selektiver Mutismus?

  • Warum spricht das Kind nicht?

  • Was kann bei Mutismus getan werden?

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Was ist Mutismus?

Der Mutismus wird auch als psychogenes Schweigen beschrieben. Dabei handelt es sich um eine Kommunikationsstörung. Das bedeutet, dass der Mensch schweigt, dabei jedoch keine Defekte oder Einschränkungen der Sprech- oder Hörorgane vorhanden sind, bzw. diese nicht der Grund für das Schweigen sind. Vereinfacht gesagt können Menschen welche mutistisch sind per mündlicher Sprache kommunizieren, tun dies aber nicht. Früher wurde das Störungsbild mit der Begrifflichkeit Sprechverweigerung beschrieben. 

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Dieser Begriff wurde verworfen, weil er den Anschein erweckt, dass sich der Mensch einfach willentlich verweigert zu sprechen, dies also bewusst steuern könnte. Mittlerweile ist sich die Forschung sehr sicher, dass das Sprechen nicht bewusst verweigert wird, sondern der Mensch dann aufgrund einer stark vorherrschenden Angst unfähig ist zu sprechen. Das Kind schweigt nicht weil es das will, es kann einfach nicht anders. In der Regel fällt Mutismus zwischen dem 3ten und 4ten Lebensjahr auf, in manchen Fällen auch erst bei Schuleintritt, also zwischen dem 6ten und 7ten Lebensjahr, dann wird von Spätmutismus gesprochen. In welchen Formen dies auftreten kann, wie oft Mutismus vorkommt, welche Gründe es geben kann und was getan werden kann wollen wir uns im Laufe des Videos noch genauer angucken. Der Mutismus lässt sich in drei Unterformen kategorisieren.

Elektiver und selektiver Mutismus beim Kind

Mit beiden Begrifflichkeiten ist das gleiche gemeint. In diesem Video wird aus Gründen der Einfachheit der Begriff selektiver Mutismus verwendet. Bei dieser Form ist es dem Menschen unter bestimmten Bedingungen nicht möglich zu sprechen. Diese Bedingungen können zum Beispiel bestimmte Situationen oder bestimmte Personenkreise sein. So kann es sein, dass ein Kind im Kindergarten überhaupt nicht spricht, kein Wort. Zuhause aber altersgerecht plappert wie ein Wasserfall. 

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Der selektive Mutismus wird im ICD 10 unter der Klassifizierung F94.0 geführt. In der Regel ist die sprachliche Entwicklung beim selektiven Mutismus alterstypisch ausgeprägt.

Totaler Mutismus beim Kind

Es gibt auch die Möglichkeit, dass Menschen komplett Schweigen, obwohl sie körperlich in der Lage wären zu sprechen. Diese Menschen schweigen dann nicht nur in bestimmten Situationen oder in Anwesenheit bestimmter Personengruppen, sondern immer. Dann spricht man vom totalen Mutismus. Der totale Mutismus kann durch traumatische Erlebnisse oder Schocksituationen ausgelöst werden.

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Akinetischer Mutismus beim Kind

Die dritte Unterform nennt sich akinetischer Mutismus. Bei dieser Form gibt es neurologische Gründe für das Schweigen. In der Regel also Schädigungen oder Störungen des Gehirns. Beispielsweise durch ein schweres Schädelhirntrauma, den Hydrozephalus (also Wasserkopf) oder durch Tumore im Hirnbereich.

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Prävalenz - Wie häufig kommt Mutismus vor?

Es gibt viele verschiedene Untersuchungen und Studien zur Verbreitung vom selektiven Mutismus. Die Ergebnisse sind dabei nicht immer ganz eindeutig. Tendenziell lässt sich sagen, dass etwa 0,7% also 7 von 1000 Personen vom selektiven Mutismus betroffen sind. Dabei sind Mädchen etwa doppelt so häufig betroffen wie Jungen.

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Mögliche Ursachen für selektiven Mutismus

Es lässt sich nicht eine mögliche Ursache für den selektiven Mutismus nennen. Auch kann Eltern oder Erziehungsberechtigten nicht die Schuld gegeben werden. Tendenziell lässt sich aber sagen, dass die Kinder das Sprechen in den Situationen einstellen, in denen bei ihnen eine starke Angst vorherrscht, sie sich also bedroht fühlen. Das kann potenziell natürlich in allen möglichen Situationen oder bei allen möglichen Personenkreisen passieren. Es lassen sich aber Risikofaktoren ableiten welche den selektiven Mutismus begünstigen.

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Als ein Risikofaktor wird dabei eine Bindungsunsicherheit beschrieben. Zum Thema Bindung und die große Bedeutung einer positiven Bindung gibt es auch schon ein ausführliches Video auf dem Erzieherkanal, ich verlinke dir dieses Video. Zusätzlich wurde festgestellt, dass Bilingualität und Bikulturalität einen Risikofaktor darstellen können. Zusätzlich können auch Sprachentwicklungsstörungen und daraus resultierende unangenehme Situationen einen Risikofaktor darstellen.

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Wird das Kind beispielsweise von seiner Oma aufgrund einer sprachlichen Auffälligkeit immer wieder bloßgestellt, dann ist es möglich, dass das Kind das Sprechen zukünftig in Anwesenheit der Oma (oder allgemein bei älteren Frauen) einstellt, da es Angst hat das Bloßgestellt werden wieder zu erleben. Weitere Faktoren können anhaltende familiäre Stress- und Belastungserfahrungen sein. Auch ist es möglich, dass ein Kind insgesamt eine introvertierte Persönlichkeitsstruktur aufweist.

Aufgrund dieser Risikofaktoren kann es bei dem Menschen zu sprachlichen Vermeidungsverhalten kommen. Anfangs also vielleicht noch bewusst, verfestigt sich im Verlauf die sprachliche Vermeidung im Unterbewusstsein. Meist wird mit dem sprachlichen Vermeidungsverhalten versucht einer Angst zu entgehen. Durch das Vermeiden der sprachlichen Situation speichert das Unterbewusstsein ab, dass das Schweigen die Lösung bei Angstbesetzten Situationen darstellt. Dadurch kann sich ein selektiver Mutismus entwickeln, dann ist es dem Menschen nicht mehr möglich über das Schweigen zu kontrollieren.

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Abgrenzung zwischen Mutismus und Schüchternheit

In der Regel zeigt ein schüchternes Kind Anpassungsverhalten für die Situation. Das bedeutet nicht, dass sich ein schüchternes Kind schnell öffnet und der Situation voll hingibt, aber das schüchterne Kind sucht Strategien mit der Situation umzugehen. Ein mutistisches Kind zeigt dies eher weniger, teilweise erstarrt es auch körperlich und emotional. Bei einem mutistischen Kind ist deshalb in der Regel auch keine Verbesserung der Situation beobachtbar.

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Um das zu Veranschaulichen, kann man sich im Kindergarten die Eingewöhnung anschauen. Ein sehr schüchternes und introvertiertes Kind wird weinen, nach den Eltern rufen, den Wunsch äußern, dass die Eltern wiederkommen sollen, sich vielleicht an die Bezugserzieherin klammern und so weiter. Mit der Zeit und einer angemessenen und professionellen Eingewöhnung werden die Symptome schwächer, das Kind fühlt sich sicherer und kommt im Kindergarten an. Ein Kind mit selektiven Mutismus wird nicht sprechen und es wird sich an der Situation auch nicht viel verbessern.

Wie äußert sich selektiver Mutismus im Kindergarten?

Natürlich ist jedes Kind unterschiedlich, aber es gibt ganz klassische Verhaltensmuster, welche Kinder mit selektivem Mutismus im Kindergarten immer wieder zeigen.

  • Das Kind reagiert nicht auf Fragen, bleibt bei Aufforderungen starr stehen oder flüchtet

  • Wenn das Kind ganz direkt angesprochen wird, versteht es den Inhalt, schaut den Erzieher oder die Erzieherin jedoch mit großen Augen an

  • Das Kind zeigt in bestimmten Situationen (beispielsweise per Mimik und Gestik) was es möchte, spricht aber nicht

  • Eltern berichten, dass es das Verhalten von Zuhause nicht kennt. Sogar gegenteiliges, das Kind spricht auffällig viel. Es kann dort zu starken Nachhol- und Redebedarf kommen.

  • Die Symptome sind den ganzen Tag über in der Situation über Wochen oder Monate stabil, also nicht tagesformabhängig. Studien haben gezeigt, dass bei durchgehender Symptomatik ab 6 Monate ziemlich sicher von selektivem Mutismus ausgegangen werden kann.

Anlaufmöglichkeiten und Verlauf

Es gibt unterschiedliche Anlaufmöglichkeiten. Es empfiehlt sich mit dem Kinderarzt oder der Kinderärztin zu sprechen. Jedoch ist das Störungsbild teilweise noch unbekannt. Auch eine Therapie kann sinnvoll sein, dabei ist es auch wichtig die Hauptursachen zu erforschen, darauf aufbauend kann eine Therapieform entwickelt werden. Bei einem schwerwiegenden frühkindlichen Trauma wird anders therapiert als bei einem offenen Konflikt in der Familie (beispielsweise als Symptomatik nach einer Scheidung). Sinnvoll kann es auch sein, sich bei einer Praxis für Sprachtherapie (also Logopädie) vorzustellen und Beratung einzuholen. Häufig sind Logopäden und Logopädinnen hinsichtlich des selektiven Mutismus fachlich gut aufgeklärt und können weitere Unterstützung und Therapien anbieten. Auch gibt es Vereine für Betroffene, zum Beispiel den Verein Mutismus Selbsthilfe Deutschland.

Was kann eine pädagogische Fachkraft bei Mutismus tun?

Das wichtigste ist, das Kind nicht unter Druck zu setzen und das Schweigen nicht persönlich zu nehmen. Auch sollten Versuche vermieden werden, dass Kind aktiv zum Sprechen zu drängen oder es aus sich herauszulocken. Das wird nicht funktionieren, wahrscheinlich sogar eher kontraproduktiv wirken. Den Kinder hilft es am meisten, wenn das Schweigen nicht groß thematisiert wird und das Kind so gut es geht eingebunden wird. Dabei sollte die pädagogische Fachkraft immer im Hinterkopf behalten, dass das Kind weder bockig noch faul ist, das Kind möchte sich mitteilen, ist aber nicht in der Lage dies über die 

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Wenn das Kind Geräusche macht oder sogar anfängt zu sprechen, sollte übermäßige Aufmerksamkeit vermieden werden. Das Kind möchte nicht im Mittelpunkt stehen, sondern so normal wie möglich behandelt werden. Auch wenn jedes Laut ein riesen Fortschritt ist, sollte darauf so unaufgeregt wie möglich reagiert werden. Das Kind braucht Zeit und gegebenenfalls therapeutische Unterstützung bis es Sprechen kann. Dies sollte von einer optimistisch eingestellten pädagogischen Fachkraft begleitet werden. Die therapeutischen Schritte dorthin sind jedoch nicht Aufgabe der pädagogischen Fachkraft. Ein enger Austausch mit Eltern und Therapeuten ist sehr sinnvoll. Auf keinen Fall vor dem Kind über das Kind und den selektiven Mutismus abfällig, genervt oder negativ sprechen.