Trotzphase, Autonomiephase und Reaktanz

Was ist mit der Trotzphase beim Kind gemeint?
Ist der Begriff "Trotzphase" noch aktuell?
Was ist mit der Autonomiephase beim Kind gemeint?
Wie entsteht "trotziges" Verhalten?

Was steckt dahinter?
Was ist mit Reaktanz gemeint?
Wie sollte mit einem Kind in der Trotzphase und Autonomiephase umgegangen werden? 

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Trotzphase, Trotzalter und die Autonomiephase

Die Trotzphase oder auch das Trotzalter sind lediglich umgangssprachliche Begriffe, sie stellen keine Fachbegriffe dar und sind negativ besetzt. Die Trotzphase suggeriert, dass es eine anstrengende Phase ist, die aber mit genug Autorität wieder vorbei geht. Das ist ein Fehlschluss. Die sogenannte Trotzphase wird in der Entwicklungspsychologie auch als Autonomiephase bezeichnet. Diese Phase lässt sich auch deutlich positiver betrachten. 

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Damit das Thema gut verständlich vermittelt wird, ist es zu Beginn notwendig die Begriffe Autonomie und Trotz zu definieren und zu beschreiben, aus diesen Begriffen lassen sich schon Erkenntnisse schließen, welche ein neues Verständnis für die Trotz bzw Autonomiephase schaffen. Anschließend wird die Theorie der Reaktanz aus der Entwicklungspsychologie dargestellt und auf die Autonomie und den Trotz angewandt, daraus lassen sich mögliche Handlungsalternativen für pädagogische Fachkräfte ableiten.

Was ist Autonomie? Eine Definition

Die Autonomie beschreibt die Fähigkeit, dass sich der Mensch als ein Wesen der Freiheit begreift und aus eben genau dieser Freiheit heraus handeln möchte. Autonomie beinhaltet also den Zustand der Selbstbestimmung, der Selbstverwaltung und der Entscheidungs- und Handlungsfreiheit, der Mensch strebt nach Selbstbestimmung.

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Was ist Trotz? Eine Definition

Als Trotz bezeichnet man das Verhalten des Widerstandes, welches sich häufig in hartnäckigem und teilweise heftigen Gefühlausbrüchen äußert. Der Begriff Trotz war nicht immer negativ besetzt, erst in der neueren Zeit wird der Begriff tendenziell eher negativ besetzt. Früher war unter Trotz so etwas wie Standhaftigkeit und Gegenwehr zu verstehen, heute eher eine überzogene irrationale Gegenreaktion auf eine unerwünschte Bedingung.

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... und was ist die Trotzphase und Autonomiephase?

In der Trotzphase, die im fachlichen Diskurs als Autonomiephase beschrieben wird, strebt das Kind nach Selbstbestimmung und Autonomie. Das Ausleben der Selbstbestimmung und Autonomie ist nicht immer möglich. Manchmal klappt es einfach nicht, in anderen Fällen übersteigen Dinge einfach den Kompetenzen von Kindern. Das führt zu Frust. Vor allem wenn dem Kind wirklich alle Dinge abgenommen werden und es immer wieder die Rückmeldung erhält, dass es zu klein ist oder es Dinge einfach noch nicht kann. Das Kind ist davon gefrustet, für diesen Zustand des Frusts gibt es einen Fachbegriff aus der Psychologie; die Reaktanz. Diesen Begriff wollen wir und genauer anschauen.

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Was ist Reaktanz? Eine Definition

Die Reaktanz beschreibt die Motivation einer Person zur Wiederherstellung eingeengter oder eliminierter Freiheitsspielräume. Die Reaktanz ist nicht das gezeigte Verhalten auf einen eingeengten Freiheitsspielraum, sondern das Gefühl, die Motivation, die durch diese Einengung und den Wunsch der Wiederherstellung entsteht. Der Mensch hat von Natur aus das starke Bedürfnis, Kontrolle und Autonomie über Situationen zu behalten. Wird diese Kontrolle und Autonomie beschnitten, kommt es zur Reaktanz. Um diese theoretische Beschreibung etwas besser zu verstehen ein Beispiel.

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... ein Beispiel für Reaktanz

Ein Vater sagt seinem Kind, dass es die Cola nicht trinken darf. Dafür ist das Kind noch zu klein. In der Regel löst die Aussage bei so ziemlich jedem Kind die Reaktanz aus und damit das noch stärkere Verlangen nach Cola! Für die Reaktanz gibt es viele weitere Beispiele aus dem Alltag. Wenn auf Dingen "nicht berühren" oder "nicht drücken" steht, macht sich in uns nicht selten das Bedürfnis breit, genau das Verbotene zu tun. Das passiert, weil unsere Autonomie und Selbstbestimmung beschnitten wird und wir das Bedürfnis haben, diese Wiederherzustellen und uns nichts vorschreiben zu lassen.

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Wie lässt sich die Reaktanz auf die Trotzhase bzw. Autonomiephase anwenden?

Das Kind hat im Laufe des Lebens immer mehr Kompetenzen und Fähigkeiten entwickelt und merkt, dass es in der Lage ist, die Welt aktiv und auf eigene Faust zu entdecken. Selbst Dinge zu tun und so Bedürfnisse zu befriedigen. Wird dem Kind dies bewusst, dann strebt es nach immer mehr Autonomie und möchte so ziemlich alles selbstständig erledigen und in die Hand nehmen. Wird diese Autonomie und Freiheit beschnitten, dann kommt es zur Reaktanz. Das Kind hat ein noch stärkeres Bedürfnis die Dinge selbstständig zu erledigen. 

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Häufen sich diese Erfahrungen und das Bedürfnis des Kind wird immer stärker die Autonomie wiederherzustellen, dann führt dies zu Reaktanz, dann zu Frust und dann zu Trotz. Dies wird als Trotzphase beschrieben. Dieses Autonomiebedürfnis ist in verschiedenen Phasen der Entwicklung besonders ausgeprägt. Nicht nur in der frühen Kindheit, also in der umgangssprachlich bezeichneten Trotzphase, sondern beispielsweise auch in der Pubertät, auch dann ist das Autonomiebedürfnis und der Drang nach Freiheit besonders stark. Wird dieses Bedürfnis dann beschnitten, kommt es zu trotzigem und teilweise aggressiven Verhalten.

Was könnte eine Lösung sein, wie kann der Erwachsene in der Autonomiephase mit dem Kind umgehen?

  • Es kann schon sehr helfen, den Autonomiedrang des Kindes als etwas positiv anzusehen! Das Kind möchte Dinge selbstständig erledigen, es möchte sich entwickeln und Kompetenzen lernen. Das darf ihm nicht verwehrt werden! Ganz im Gegenteil ist das etwas sehr positives.

 

  • Das Kind soviel ausprobieren lassen wie möglich, auch wenn möglicherweise ein scheitern absehbar ist. Dann sollte das Kind aber aufgefangen und ermutigt werden. Gegebenenfalls sollte Hilfestellung angeboten werden.

 

  •  So kann das Kind dem eigenen Autonomiebedürfnis nachkommen. Je mehr es dieses Bedürfnis ausleben erfolgreich ausleben kann, desto weniger kommt es zu Trotzreaktionen. Zusätzlich lernt das Kind durch jede Situation die es selbst meistert enorm viele Dinge und entwickelt sich immer weiter. Das Kind kann in viele Situationen mit einbegriffen werden.

 

  • Möchte ein Kind etwas selbstständig erledigen, dies wird ihm aber von vornherein verwehrt, dann führt das zu starkem Frust. Zu Verdeutlichung stellen wir uns eine Situation vor, in der sich das Kind die Schuhe selbst anziehen möchte. Die Mutter ist in Zeitnot und gestresst. Das Kind zieht sich die Schuhe falschherum an. Nun nimmt die Mutter dem Kind die Schuhe aus der Hand, sagt ihm wie wenig Zeit sie haben und zieht dem Kind die Schuhe wütend selbstständig an. Vielleicht kommt noch ein abwertender Kommentar in Richtung des Kind (Ich hab dir schon so oft gezeigt wie rum du deine Schuhe anziehen sollst!) Das Kind kann nicht anders als wütend zu werden, das ist eine ganz normale Reaktion. Nimmt der Erwachsene nun aber nicht das Bedürfnis des Kindes nach Autonomie war, sondern sieht einfach nur ein trotziges Kind und reagiert dann auch noch mit autoritärem Verhalten (also beispielsweise mit Strafen und Sanktionen), dann ist das für die Bewältigung der Frustration und der Bewältigung des Stresses für das Kind absolut schädlich. Es hat nur Nachteile; die Erwachsene Person ist genervt und gestresst, das Kind ist immens gestresst, konnte dem Autonomiebedürfnis nicht nachgehen, konnte keine neuen Erfahrungen sammeln und verinnerlicht im negativen Fall noch, dass es unfähig ist Dinge selbst zu erledigen. Quasi ein Super Gau für die kindliche Entwicklung! Leider kommt es zu solch kleinen Alltagssituationen immer und immer wieder.