Inklusion, Integration, Separation, Exklusion und Extinktion - was ist das?

  •  Was ist Inklusion, Integration, Separation (Segregation), Exklusion und Extinktion?

  • Was ist der Unterschied zwischen den Begriffen?

  • Wieso ist der Begriff "Inklusionskind" falsch? 

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Wozu gibt es die Begriffe der Inklusion, Integration, Separation, Exklusion und Extinktion?

Bei der Extinktion, Exklusion, Separation, Integration und Inklusion handelt es sich um Gesellschaftstheorien die zeigen, wie in einer Gesellschaft mit Vielfalt und Diversität umgegangen wird. Dabei ist der Zugang zu den einzelnen und relevanten Systemen der Gesellschaft interessant. Niklas Luhmann nennt diese einzelnen Systeme auch Funktionssysteme einer Gesellschaft. 

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Zu diesen einzelnen System einer Gesellschaft zählt beispielsweise ganz klassisch der Zugang zum Bildungssystem, zum Gesundheits- und Krankensystem, zum Rechtssystem, zur Religion, zur Kultur und so weiter. 

Es stellt sich also die Frage, wie der Zugang zu den einzelnen System gebaut ist und welche Barrieren für welche Menschengruppen herrschen. Hätte jede Person vollsten und uneingeschränkten Zugang zu allen Systemen einer Gesellschaft, dann würde man diese Gesellschaft als inklusiv bezeichnen, die Realität sieht anders aus.

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Ein häufiger Irrglaube - Inklusion betrifft nur Behinderte?

Ein häufiger Irrglaube ist, dass Inklusion, Integration, Exklusion und Co nur behinderte Menschen betrifft, aber das ist falsch. Die Kategorien zeigen auf, wie mit jeglicher Vielfalt und Diversität umgegangen wird, ganz egal ob es um körperliche, seelische, psychische Behinderung geht, um Religionszugehörigkeit, Ethnie, Sexualität, politische Einstellungen, Haut- und Haarfarbe oder sonst irgendwelchen Merkmalen, Eigenschaften, Orientierungen und so weiter.

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Was ist Extinktion?

Die Extinktion ist aus dem lateinischen abgeleitet und bedeutet Auslöschung. Die Extinktion ist die unterste Kategorie im Umgang mit Vielfalt und Diversität. Es gibt in der Gesellschaft klare Vorstellungen wie ein Mensch zu sein hat, trifft das nicht zu, dann wird er aus der Gesellschaft verwiesen, der Mensch darf also nicht anwesend sein, er wird nicht nur ignoriert, sondern verfolgt. Das kann über mehrere Wege passieren, beispielsweise wird der Mensch aufgrund eines Diversitätsmerkmals aus dem Land verwiesen.

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Wenn er nicht im Land drin ist, aber hinein möchte, wird ihm der Zugang verwehrt. Die radikalste Form der Extinktion ist die Ermordung. Das klingt super radikal und veraltet, ist es aber leider ganz und gar nicht. In einigen Ländern dieser Welt wird beispielsweise Homosexualität unter Todesstrafe gestellt. Auch im dritten Reich wurden zuerst behinderte Menschen systematisch ermordet und anschließend Juden und weitere Menschengruppen die den Vorstellungen nicht entsprachen. Auch in Deutschland gibt es Menschen und auch Parteien die Menschen den Zutritt verwehren aufgrund eines bestimmten Diversitätsmerkmals.  => „Ich muss Angst um mein Leben haben, weil ich so bin wie ich bin.“

Was ist Exklusion?

Die Exklusion bedeutet Ausschluss. In einer Gesellschaft gibt es klare Vorstellungen, wie ein Mensch zu sein hat, trifft das nicht zu, dann wird ihm der Zugang zu Teilen der Gesellschaft verwehrt. Auf das Bildungssystem bezogen bedeutet das, dass eine Person aufgrund eines bestimmten Diversitätsmerkmals vom Bildungssystem ausgeschlossen wird, er darf also gar nicht daran teilhaben. Dem Menschen wird die Bildung also gänzlich verwehrt, es wird also auch kein gesondertes eigenes Bildungssystem für die Personengruppe geschaffen.

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Der Gesellschaft sind diese Personen so gesehen egal, sie werden ignoriert und nicht angesprochen. Nach dieser Definition gibt es keine Exklusion im deutschen Bildungssystem, da eine Schulpflicht herrscht.  => „Ich werde ausgeschlossen und ignoriert, weil ich so bin, wie ich bin.“

Was ist Separation?

Die Separation bedeutet Trennung. Auch hier gibt es klare Vorstellungen wie ein Mensch zu sein hat, trifft das nicht zu, dann wird auch diesem Menschen der Zugang zum eigentlichen System verwehrt. Der Unterschied zur Exklusion besteht darin, dass aber ein separates System für die Menschen mit bestimmten Diverstitätsmerkmalen geschaffen wird. Die Menschen sind der Gesellschaft also nicht egal, aber es gibt auch keine Bemühungen das bestehende Hauptsystem der Gesellschaft an die Diversität und Vielfalt des Einzelnen anzupassen.

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Schafft die Personen es aufgrund ihrer Individualität nicht sich anzupassen, dann hat sie die Möglichkeit das separate System aufzusuchen. Dabei kann man das Beispiel eines Menschen mit Sehbehinderung nehmen. Das Lehrmaterial wird so klein geschrieben, dass die Person es nicht lesen kann, es gibt das Material auch nicht als Audio oder in Blindenschrift. Also wird ein separates Bildungssystem für Sehbehinderte Menschen geschaffen. Im Bildungssystem sind Förderschulen dabei klassische Beispiele. Im System der Arbeitswelt die Werkstätten für behinderte Menschen.

 

Es gibt also ein separates System welches neben dem „Hauptsystem“ existiert. Häufig ist ein Problem, dass durch die Teilhabe an einem separaten System weitere Separierung in anderen System folgt. Geht ein Kind auf eine Förderschule, wird also in der Bildung separiert, dann folgt häufig auch eine Separierung in der Arbeitswelt, beispielsweise durch die Arbeit in einer Werkstatt für behinderte Menschen. Personen mit bestimmten Diversitätsmerkmalen leben dann in ihren eigenen geschaffenen Funktionssystemen (beispielsweise der Förderschule) parallel zur den eigentlichen Hauptfunktionssystemen einer Gesellschaft. Sie werden nicht wirklich exkludiert, aber sie können auch nicht wirklich teilhaben.  => „Ich reiche nicht aus, für mich braucht es immer eine teure Extrawurst, weil ich so bin, wie ich bin.“

Was ist Integration?

Integration bedeutet Einbezug von bisher ausgeschlossenen Personen in das Hauptsystem. Es gibt weiterhin ein System, welches für bestimmte Menschen konzipiert wurde. Der Unterschied der Integration gegenüber der Extinktion, der Exklusion und der Separation ist jetzt, dass kein gesondertes System mehr für Personen mit bestimmten Diversitätsmerkmalen geschaffen wird, sondern es wird versucht, den Menschen an das bestehende Starre System anzupassen.

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Dazu werden dem Menschen teilweise persönliche Assistenzen und Integrationsfachkräfte zur Verfügung gestellt. Auf das vorherige Beispiel mit der Sehbehinderung bezogen würde das bedeuten, dass es eine Integrationsfachkraft gibt, welche dem sehbehinderten Kind die Lernmaterialien vorliest und den Inhalt von für ihn nicht lesbaren Texte mitteilt. Die Lernmaterialien und die Lernumgebung an sich wird nicht an die individuellen Bedürfnisse des Kindes angepasst. In der Integration wird nicht das System als solches verändert, sondern es wird versucht den Menschen zu ändern. Daher fallen in der Integration oft Begriffe wie Mensch mit besonderen Bedürfnissen oder Kind mit besonderem Förderbedarf. => „Alleine bin ich unfähig und immer auf Hilfe angewiesen, weil ich so bin, wie ich bin.“

Was ist Inklusion?

Ist etwas inklusiv, dann herrscht Wertschätzung für Diversität und Vielfalt. Das Bestreben der Inklusion ist es, Barrieren und Hürden abzubauen um so allen Menschen unabhängig von Diversität und Vielfalt eine Teilhabe zu ermöglichen. Bei der Inklusion geht es darum, dass System zu verändern, sodass Menschen aufgrund ihrer Diversität und Individualität nicht ausgeschlossen werden oder Nachteile erleiden, alle Menschen haben gleiche Chancen und sind gleichberechtigt, unabhängig von ihren Diversitätsmerkmalen, niemand wird also behindert.

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Bezogen auf das Bildungssystem würde das bedeuten, dass es ein Bildungssystem für alle gibt und auch niemand versucht den Menschen darauf anzupassen. Ein solches Bildungssystem müsste so aufgebaut sein, dass es auf Individualität und Diversität von sich aus eingeht und somit die Einteilung in „behindert“ und „nicht behindert“ wegfällt. Natürlich gibt es grundsätzliche Regeln und Werte des Miteinanders an die sich Menschen halten, es herrscht keine Anarchie und Gesetzlosigkeit. Es gibt aber keine Barrieren mehr aufgrund von Individualität. beispielsweise auf die Situation mit dem sehbehinderten Kind bezogen würde das bedeuten, dass die Lernmaterialen allen als Audio zur Verfügung gestellt werden. Der Mensch kann also alleine an dem Bildungssystem teilnehmen. Er benötigt keinen Menschen der ihm die Inhalte vorliest oder ähnliches. Der Mensch wird durch das System also nicht mehr behindert.

 

Vielfalt wird als Normalität anerkannt. Menschen sind nicht behindert, sondern sie werden behindert. Nach den Logiken der Inklusion dürfte es gar keine Inklusionskinder und keine Inklusionsfachkräfte geben. Durch diese Begrifflichkeiten wird nämlich wieder in „behindert“ und „nicht behindert“ eingeteilt. Wenn diese Einteilung notwendig ist, dann kann ein System logischerweise also gar nicht inklusiv sein. Fachkräfte die einem Kind helfen, sich an das System anzupassen sind demnach keine Inklusionsfachkräfte, sondern Integrationsfachkräfte. „Ich bin gut und vollkommen ausreichend so wie ich bin.“