Die 4 Bindungsphasen - Phasen der Bindung

  • Was sind die Bindungsphasen?

  • Welche 4 Bindungsphasen gibt es?

  • Welche Phasen der Bindung durchläuft ein Kind?

  • Was ist die Vorbindungsphase, die Phase der beginnenden Bindung, der eindeutigen Bindung und der reziproken Bindung?

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Was ist überhaupt Bindung?

Die Bindung wird als ein emotionales Band zwischen zwei Personen verstanden. In der Bindungstheorie insbesondere das emotionale Band zwischen Eltern und Kind. Es können aber auch andere Bezugspersonen zu Bindungspersonen für das Kind werden. Dieses Band sorgt im Idealfall für Schutz und Sicherheit beim abhängigen Kind durch eine stabile Bindung zu der Bezugsperson. John Bowlby beschreibt die Bindung als unsichtbares, gefühlsvolles Band zwischen dem Kind und seinen Eltern, welches eine starke Bedeutung in der kindlichen Entwicklung beimisst.

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Wir wollen uns die vier Bindungsphasen anschauen. Diese 4 Bindungsphasen durchläuft ein Kind grob in den ersten drei Lebensjahren. Ich sage bewusst grob, weil die Entwicklung von Kindern einfach individuell abläuft und es keinen Stichtag oder ein genaues Alter gibt, bei welchem eine gewisse Phase abgeschlossen ist. Falls du zu dem Thema schon recherchiert hast, wird dir wahrscheinlich aufgefallen sein, dass es häufig unterschiedliche Angaben zu den Phasen und dem jeweiligen Alter gibt. Ich nutze in diesem Video die Altersangaben, die in den klassischen Pädagogik und Psychologie Fachbüchern verwendet werden. Wenn du das Video zur Vorbereitung für eine Klausur anschaust, dann verwende bitte die Altersangaben die dir in der Schule vermittelt wurden. Wie gesagt, aufgrund der individuellen Entwicklungsverläufen von Kindern, lässt sich so oder so keine haargenau Angabe machen. Starten wir jetzt mit den 4 Bindungsphasen.

1. Phase der unspezifischen sozialen Reaktionen (Vorbindungsphase)

Diese Phase umfasst etwa die ersten zwei Lebensmonate des neugeborenen Kindes. In diese Phase erholt sich das Baby von der Geburt und befasst sich an den Anpassungsprozess außerhalb der Gebärmutter. Das Baby wird beispielsweise nicht mehr automatisch ernährt. Es zeigt überlebenswichtige und angeborene Verhaltensweisen die zum Bindungsverhalten gehören; anschauen, schreien, saugen, umklammern, anschmiegen.

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In dieser Phase zeigt das Baby zu jeder Person Bindungsverhalten, dieses Bindungsverhalten dient ihm dazu, die überlebenswichtigen Bedürfnisse zu befriedigen. Das Neugeborene ist nämlich zu 100% abhängig und einfach auf die Mitmenschen und ihre Fürsorge angewiesen, ohne diese ist das Baby nicht überlebensfähig.

2. Phase der unterschiedlichen sozialen Risikobereitschaft (beginnende Bindung)

Von etwa dem dritten bis zum achten Lebensmonat kommt es zu dieser Phase, sie ist dadurch charakterisiert, dass das Bindungsverhalten des Babys spezifischer und differenzierter wird. Das Baby zeigt in der Regel zwar weiterhin auch zu fremden Personen ein Bindungsverhalten, aber es reagiert schneller auf Verhalten und Äußerungen von ihm vertrauten Personen. Diese können die durch das Bindungsverhalten kommunizierten Bedürfnisse schneller befriedigen als gänzlich unbekannte Personen.

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Es werden erste Erwartungen seitens des Babys an die gewohnten Bezugspersonen gestellt. Das Baby bevorzugt also die primären Bezugspersonen, diese erkennt es an der Stimme, dem Geruch und weiteren Eigenschaften. Das Kind entwickelt im Idealfall erste Selbstwirksamkeitserfahrungen, also die Erfahrung, dass das eigene Verhalten etwas bewirkt und dazu genutzt werden kann mit der Umwelt zu kommunizieren, dass der eigene Ausdruck einen Wert hat und ernst genommen wird. In dieser Phase wäre es absolut fatal das Kind schreien zu lassen. Immer noch verbreitet aber absolut abzuraten ist davon das Kind schreien zu lassen. Das Kind ist hilflos in dieser Lebensphase und angewiesen auf die Bedürfnisbefriedigung. Lernt das Kind in dieser Phase, dass die eigenen Bedürfnisse keinen oder nur einen geringen Wert haben und eine Mitteilung dieser sowieso nicht wahrgenommen wird, dann hätte dies negative Auswirkungen auf die Erfahrungen der Selbstwirksamkeit, den Selbstwert und das spätere Vertrauen zu anderen Menschen. Zum Ende dieser Phase und zum Beginn der nächsten Phase kommt es zum sogenannten "fremdeln", aber dazu in der nächsten Phase mehr.

3.Phase der unterschiedlichen sozialen Risikobereitschaft (beginnende Bindung)

Diese Phase findet ab etwa dem achten Lebensmonat bis etwa 2 Jahren statt. Das Bindungsverhalten wird immer spezifischer und differenzierter. Es kommt zu ersten Vorbehalten fremden Personen gegenüber, diese können aber auch durch Neugierde geprägt sein. Beispielsweise wird das Kind ruhig, hört auf zu spielen oder Aktivitäten nachzugehen, orientiert sich an den Bezugspersonen, beobachtet die fremden Personen dann aber ganz genau.

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Das Kind beginnt das sogenannte "fremdeln", das bedeutet, dass es kein Bindungsverhalten, sondern ängstliche Reaktionen bei fremden Personen zeigt. Das Kind verinnerlicht in dieser Phase langsam aber stetig, ob es Menschen tendenziell trauen kann oder nicht. Trennungen von den primären Bezugspersonen fallen schwer. Es kommt zu einer Trennungsangst, welche aber ein natürliches Schutzsystem darstellt, das Bindungsverhalten wird dann aktiviert um das Sicherheitsgefühl zu bewahren oder wieder herzustellen. Wird das Kind in einer unbekannten Umgebung alleine gelassen, reagiert es in der Regel unsicher und ängstlich. Die primären Bezugspersonen sind zum Zentrum der Welt des Kindes geworden, diese stellen den sicheren Hafen und die sichere Basis für das Kind dar, in der Nähe der Bezugspersonen fühlt sich das Kind wohl und sicher. Kurzzeitige Trennungen, beispielsweise wenn keine wirkliche oder nur eine schlechte Eingewöhnung im Kindergarten stattfindet, führen zu Leid beim Kind, welches aber in der Regel gut kompensiert werden kann, vor allem wenn eine sichere Bindung zwischen Kind und den primären Bezugspersonen herrscht.

Kommt es zu langanhaltenden Trennungen (über Wochen oder Monate) oder zu einem dauerhaft traumatischen Verlust der primären Bindungsperson (zum Beispiel durch Todesfälle oder auch plötzliche Trennungen ohne ein Wiedersehen oder eine Thematisierung) ist die Gefahr groß, dass dies zu tiefgreifenden Einschnitten in der kindlichen Entwicklung führen kann, nicht selten äußern sich diese in körperlichen und psychischen Symptomen.

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Abhängig vom Bindungstyp kann es sein, dass diese kindlichen Reaktionen sich nicht äußerlich bemerkbar machen. Verschiedene Untersuchungen haben aber gezeigt, dass es je nach Bindungstyp auch Kinder gibt, die sillschweigend trauern und leiden. Beispielsweise wurde beim Fremdesituationstest durch Speichelproben beim Kind das Stresshormon gemessen, auch Kinder welche vermeintlich keine Reaktion zeigten standen massiv unter Stress bei der plötzlichen Trennung zu ihren Bezugspersonen.

4. Phase der zielkorrigierten Partnerschaft
(Phase reziproker Beziehungen)

Ab etwa dem zweiten Lebensjahr tritt diese Phase auf. Das Kind kann in diesem Alter in der Regel die eigenen Wünsche und Bedürfnisse sprachlich kommunizieren und es versteht auch kognitiv, dass die Bezugspersonen ebenfalls Ziele, Wünschen und Absichten verfolgen. Es beginnt eine wechselseitige Beziehung. Das Kind hat in dieser Phase das sogenannte "innere Arbeitsmodell" entwickelt. In diesem inneren Arbeitsmodell sind die bisherigen Bindungserfahrungen des Kindes gespeichert.

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Hat das Kind eine sichere Bindung zu den Bezugspersonen entwickelt, dann kann es Trennungen hinnehmen, da es verinnerlicht hat, dass es jederzeit zurück in den "sicheren Hafen" kann. Dieses tief verinnerlichte Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit ist eine grundlegende Voraussetzung für das Explorationsverhalten, welches wiederum grundlegend wichtig ist für die kindliche Entwicklung. Der soziale Radius erweitert sich, das Kind kommt in dieser Phase in der Regel in die Kindertagesstätte, Erzieher*innen und weitere Fachkräfte stellen Wegbegleiter in die Autonomie dar, Trennungen von diesen sind schmerzlich, aber nicht traumatisch. Das Kind will alles selber machen, entdeckt den eigenen Willen und die Abgrenzung dessen zu den Willen anderer. Das Kind möchte sein Selbst verteidigen, es kommt zur Autonomiephase, umgangssprachlich auch Trotzphase genannt.